AD(H)S und Ernährung

Bevor ich auf das Thema AD(H)S und Ernährung eingehe, möchte ich gern ein paar grundsätzliche Worte zu dieser „Störung“ verlieren und auf sehr vereinfachte Art erklären wie es dazu kommt.

Wissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass AD(H)S durch ein Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren entsteht. So können genetische Ursachen, hirnorganische Schäden, ein Ungleichgewicht im Bereich der Dopamin- und Noadrenalinproduktion im Gehirn sowie verschiedene Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

Da die Kernsymptome einer AD(H)S – wie zum Beispiel: sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne, erhöhte Ablenkbarkeit, motorische Unruhe, Zappeligkeit, Verträumtheit, Impulsivität, ausgeprägte Stimmungsschwankungen, gestörtes Sozialverhalten, Schwierigkeiten in der Groß- und Feinmotorik sowie in der Wahrnehmung, beim Lesen, Schreiben und Rechnen – auch andere Störungen als Ursache haben können ist eine professionelle Diagnostik sehr wicht. Die Diagnose einer AD(H)S gehört in meinen Augen in die Hände von gut ausgebildeten und erfahrenen Spezialisten. Diese Spezialisten bei Kindern Kinder- und Jugendpsychologen und –psychiater, welche am besten in einer gemeinschaftlichen Praxis tätig sind und sich daher gut über ihre kleinen Patienten austauschen können. Bei Erwachsenen sind es entsprechende Psychologen und Psychiater aus dem Erwachsenenbereich.

Ist es mit 100 prozentiger Sicherheit bestätigt, dass eine AD(H)S vorliegt gilt es gemeinsam mit einem Team dem Betroffenen zu helfen. Zu diesem Team können unter anderen folgende Personen gehören: Lehrer/ Kindergärtnerinnen, Eltern, Therapeuten, Psychologen und auch alle anderen Betreuungspersonen. Die Zusammensetzung der Mannschaft richtet sich nach dem Schweregrad der AD(H)S und der Art der Therapie bzw. Unterstützung die der AD(H)Sler erhält. Dieses Team kann dem Betroffenen dabei helfen seine Stärken – zum Beispiel Kreativität, Gerechtigkeitssinn, Intellekt – an die Oberfläche zu bringen und mit seinen vermeintlichen Schwächen besser umzugehen.

Neben der therapeutischen und pädagogischen Betreuung der AD(H)Sler spielt die Ernährungsweise, nach meiner Erfahrung, eine sehr große Rolle. Nahrungsmittel haben einen großen Einfluss auf alle Geschehnisse im Körper. So auch auf die Produktion von Gehirnbotenstoffen, wie Dopamin und Noadrenalin.

Ernährung bei AD(H)S

Unsere heutige und weit verbreitete Ernährungsweise ist weder für AD(H)Sler noch für Menschen ohne dieses Störungsbild gesundheitsfördern. Jedoch liegt der Unterschied darin, dass Erstere schneller auf Geschmacksverstärker, Farb- und Konservierungsstoffe und andere synthetische und chemische Zusatzstoffe reagieren. Eine ungünstige Auswahl an Nahrungsmittel begünstigt zudem einen Mangel an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und lebensnotwenigen Eiweißen. Auch kann der Konsum von einfachen Kohlenhydraten, wie zum Beispiel Süßigkeiten und Weißmehlprodukten, die Symptome einer AD(H)S verstärken oder auch erst zum Ausbruch bringen.

Da Personen mit dem Störungsbild AD(H)S laut wissenschaftlicher Untersuchungen einen Mehrbedarf an Zink, Selen, Magnesium sowie Omega 3-und Omega 6-Fettsäuren haben, ist hier eine gesunde vollwertige Kost immens wichtig.

Ich empfehle an dieser Stelle nicht nur auf das Essverhalten des Betroffenen zu schauen, sondern (insbesondere bei Kindern) auf das der ganzen Familie. Es ist für alle Familienmitglieder sehr wichtig sich gesund und ausgewogen zu ernähren. So wird die Krankheit zur Chance, da alle Familienangehörigen zu einer gesunden und vollwertigen Kost gelangen können. Außerdem bekommt der AD(H)Sler in diesem wichtigen und alltäglichen Lebensbereich keinen Sonderstatus sondern ist ein ganz normaler Bestandteil der Familie.

DruckGesunde Ernährung ist das Ah und Oh

Die Zusammensetzung einer gesunden Kost, lässt sich sehr gut an meiner hier dargestellten Nahrungsmittelpyramide veranschaulichen.

Getränke

Passende Getränke in Form von stillem Wasser, ungesüßten Kräuter- und Früchtetees sowie Saftschorlen aus 100 Prozent Saft im Verhältnis 1:3 gemischt bilden die Basis einer gesunden Ernährung. Der Flüssigkeitsbedarf einen Menschen ist individuell verschieden. Er lässt sich grob mit folgender Formel errechnen: Körpergewicht x 0,03 = Tagesbedarf. Der Bedarf variiert jedoch durch diverse Einflüsse, wie klimatische Bedingungen, Psyche, Krankheit und viele mehr.

Obst und Gemüse

Frisches regionales und saisonales Obst und Gemüse, am Besten in Bioqualität auf dem Bio-Supermarkt oder direkt vom Bauern, versorgen den Körper mit allen wichtigen Vitalstoffen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt 5 Portionen Obst und Gemüse täglich. Wissenschaftler der orthomolekularen Medizin sagen sogar, dass es eher 7-9 Portionen am Tag sein sollen. Insbesondere für AD(H)Sler sehe ich die zweite Aussage als wesentlich realistischer an.

Kohlenhydrate

Ein besonderes Augenmerk bei einer AD(H)S liegt bei den Kohlenhydraten. Sie liefern dem Körper sehr viel wichtige Energie. Ohne diese Energie läuft im Körper nicht viel. Auch sind sie an vielen Stoffwechselvorgängen beteiligt und am Auf- und Abbau von Zellen. Jedoch spielt die Auswahl der Kohlenhydrate eine entscheidende Rolle. Es gibt unterschiedliche Arten von Kohlenhydraten. Diese nennt man Einfach-, Zweifach- und Mehrfachzucker. Alle drei Zuckerarten stehen dem Körper unterschiedlich schnell zur Verfügung. Sie können ins Blut schießen, strömen, fließen, tropfen und sickern. Je schneller das Kohlenhydrat zur Verfügung steht, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Betroffenen „Aufdreht“.

Die nachstehende Tabelle zeigt Beispiele für die verschiedenen Nahrungsmittel und deren Verfügbarkeit im Körper:

Schießen Strömen, Fließen Tropfen Sickern
Zucker Weißbrot Weintrauben Äpfel Frischkornbrei
Limonade Helle Brötchen Bananen Birnen Hülsenfrüchte
Cola Cornflakes Rosinen Karotten Vollkornmüsli
Süßigkeiten Kartoffelbrei Trockenobst Kartoffel Vollkornbrot
Kuchen Pastinaken

Richtig gute Kohlenhydratlieferanten sind daher: Produkte aus Vollkorngetreide sowie so gut wie jede Form von Obst und Gemüse. Ich kann an dieser Stelle insbesondere alte und ursprüngliche Getreidesorten, wie Dinkel, Einkorn, Quinoa, Amarant, Roggen und dergleichen empfehlen. Sie sind alle sehr schmackhaft und vielseitig einsetzbar.

Eiweiß

Wie eingangs erwähnt spielt die Versorgung mit Eiweiß eine sehr große Rolle. AD(H)Sler habe einen höheren Bedarf an diesem essentiellen Energielieferanten. Daher spielt die Auswahl der Nahrungsmittel, ähnlich wie bei den Kohlenhydraten eine wichtige Rolle. Nüsse und Samen sowie Hülsenfrüchte, wie Linsen, Erbsen und Bohnen sollten täglich auf dem Speiseplan stehen. Hülsenfrüchte enthalten neben hochwertigen pflanzlichen Eiweißen auch reichlich Vital- und Ballaststoffe. Letztere verlangsamen die Aufnahme von Kohlenhydraten und sorgen für einen gleichbleibenden Blutzuckerspiegel. Ist der Blutzuckerspiegel konstant, sind die Betroffenen meist ruhiger und ausgeglichener als bei Blutzuckerspitzen.

Fett und Salz

Jeder menschliche Körper benötigt hochwertige Fette. Eine Person mir AD(H)S benötig noch ein wenig mehr. Daher sollten täglich kaltgepresste native Pflanzenöle auf dem Speiseplan stehen. Richtig gute Omega 3- und Omega 6-Fettsäuren finden sich in Argan-, Leinsam-, Nuss- und Olivenölen.

Salz ist die Würze des Lebens. In der richtigen Menge (3-5 g/ tgl.) liefert es dem Körper zwei wichtige Mineralstoffe (Natrium und Chlorid). Diese sorgen bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr für einen ausgeglichenen Wasserhaushalt im Körper.

Genussmittel

Zu den Genussmitteln zählen für mich alle tierischen Produkte und schnelle Kohlenhydrate sowie Alkohol. Alle hier genannten Lebensmittel bringen in meinen Augen und nach wissenschaftlichen Erkenntnissen mehr gesundheitliche Nachteile als Vorteile. Sie wirken auf den Körper übersäuernd, wodurch der Vitalstoffbedarf erhöht wird, da der Körper die Säure ausgleichen muss und hierfür in erster Linie Mineralstoffe benötigt. Tierische Produkte enthalten zudem viele ungesunde Fette und sind zum Teil durch Schwermetalle (Meeresfische) oder Medikamente stark belastet. Schnelle Kohlenhydrate sorgen wie bereits im oberen Teil beschrieben für einen schnelleren Anstieg der Blutzuckerkurve. Zudem werden alle zu viel zugeführen Kohlenhydrate auch noch vom Körper umgewandelt und als Fettzellen abgespeichert. Daher gehören die hier genannten Genussmittel, wenn überhaupt, nur sehr selten auf den Tisch.

Kinderlebensmittel

Da die meisten AD(H)Sler Kinder und Jugendliche sind, möchte ich hier gern noch ein paar Worte über „Kinderlebensmittel“ verlieren.

  1. Kinderprodukte bieten keine Vorteile bezüglich Ihrer Zutaten und Ihres Nährstoffgehalts gegenüber herkömmlichen Lebensmitteln!
  2. Fast die Hälfte aller Kinderprodukte sind Süßigkeiten!
  3. Kindermilchprodukte wie Quark, Milchgetränke und Brotaufstriche sind durchweg zu süß und zu fett und deshalb für Kinder ungeeignet!
  4. Kinderprodukte werden „konzeptionslos“ mit zusätzlichen Nährstoffen angereichert und enthalten in der Regel auch nicht die Extraportion von irgendwas

Ich persönlich kaufe meinen Kindern keinerlei solche Produkte, da ich sie nicht „vergiften“ möchte.

Umsetzung in die Praxis

Es wäre gelogen, wenn ich an dieser Stelle sagen würde, dass die Umsetzung in der Praxis einfach ist und ohne Probleme von statten geht. Je nach Alter des Betroffenen haben sich schon über einige Jahre verschieden Essgewohnheiten eingeschlichen. Selbst ein Fünfjähriger tut sich schwer mit Veränderungen, ein AD(H)Sler noch einmal im Besonderen. Doch sind alle Betroffenen in der Regel sehr intelligente Wesen. Erklärt man ihnen warum eine gesunde Ernährung wichtig ist und was für Auswirkungen es auf sie hat, wenn sie sich ungesund ernähren, sind sie meist bereit mitzuarbeiten. Viele AD(H)Sler haben einen gewissen Leidensdruck und sind dankbar, wenn ihnen ein Weg aus diesem Leid heraus aufgezeigt wird. Wichtig ist, dass die Veränderungen schrittweise und sacht vorgenommen werden und, dass alle im haushaltlebenden Personen mitmachen. Wer eine Anleitung bei der Umsetzung benötigt, wird in meinem Ratgeber „Ich stell dann mal um“ sicher gute Hinweise und praxisorientierte Tipps finden. Da er nur 60 Seiten umfasst, lässt sich alles in dem kleinen nützlichen Buch ohne viel Aufwand in den Alltag umsetzen.

Vitalstoffpräparate

Bei einer AD(H)S kann der Betroffene zusätzlich auch mit Vitalstoffen unterstütz werden. Ich habe in diesem Bereich sehr gute Erfahrungen sammeln können. Wer hierzu gern mehr wissen mag, darf gern das Kontaktformular unterhalb des Artikels ausfüllen.

Abschließende Wort

Ich habe gelernt, dass alles im Leben seinen Sinn hat. Für mich ist die AD(H)S eines meiner Familienmitglieder ein „Geschenk“. Sie hat mich dazu gebracht über den Tellerrand hinaus zu sehen, Hilfe von anderen Menschen anzunehmen, im Team zu arbeiten und noch kritischer auf die Familienernährung zu achten. Inzwischen können wir (5 Jahre nach der Diagnose) so gut wie keine AD(H)S-Symptome mehr feststellen. Wir sind ohne Medikamente zurecht gekommen, dafür aber mit einer hohen Investition an Zeit und zum Teil auch an Geld. Die Fahrten zu den einzelnen therapeutischen Einrichtungen und die Umstellung der Ernährungs- und Lebensweise waren zum Teil kräftezehrend und anstrengend. Doch kann ich heute sagen: Der ganze Aufwand hat sich gelohnt!

Eure:

Beatrice Schmidt, Ernährungsexpertin, Bloggerin und Fachbuchautorin von:

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Beatrice Schmidt ist zertifizierte Ernährungsberaterin mit Herzblut. Sie schreibt Fachartikel, Ratgeber und Kochbücher für die vegane und glutenfreie Küche.

Auf vielen Veggie-Messen kann man ihr beim Kochen auf den Showbühnen zu schauen und mit etwas Glück sogar mit machen.

Hier geht es zu ihren Büchern.

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